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Sprachförderung im Kindergarten

Sprache ist die entscheidende Kernkompetenz für soziale Integration, Bildung und Beruf. Mangelhafte sprachliche Kompetenzen beeinträchtigen die sprachgebundene Kommunikation, das Lernen und den Bildungsweg. Davon sind vor allem betroffen sind Kinder aus sozial schwachen und bildungsfernen Familien und/oder Familien mit Migrationshintergrund (Bundesministerium für Familien, Senioren, Frauen und Jugend, 2010). Frühe Sprachförderung und Unterstützung im Spracherwerb ist nach unserer Auffassung eine pädagogische Aufgabe, die auch in die Kindertagesstätte gehört.

Während die Indikation für eine logopädische Behandlung und deren Finanzierung weitgehend klar ist, bestehen für eine Sprachförderung immer noch Unsicherheiten. Wir sehen Sprachförderung als eine Aufgabe der Eltern und des Bildungssystems. Welche Kinder sollen Sprachförderung bekommen? Hier soll unsere Position deutlich werden:

  • Sprachförderung ist eine Maßnahme der primären Prävention.
  • Sprachförderung unterstützt den Spracherwerb bei allen Kindern.
  • Sprachförderung hilft Kindern, die sprachlich weniger begabt sind.
  • Sprachförderung hilft Kindern mit erschwerten Bedingungen des Spracherwerbs (sozial, psychisch, erschwerter Zweitspracherwerb).
  • Sprachförderung kann Ergänzung zur Logopädie sein,nicht jedoch Ersatz für Logopädie,
  • Der Einsatz von Sprachförderung setzt eine pädagogische Sprach- und Entwicklungsdiagnostik voraus.
  • Sprachförderung ist eine permanente Aufgabe, die nicht willkürlich unterbrochen oder beendet werden darf.
  • Sie sollte nicht erst kurz vor der Einschulung, sondern so früh wie möglich begonnen werden.


Bausteine

Unsere Vorstellung von einer umfassenden Sprachförderung im Kindergarten besteht aus vier Bausteinen:

  • Regelmäßige, strukturierte und dokumentierte Beobachtung des Entwicklungsstands, besonders der Sprachentwicklung
  • Sprachförderung für alle Kinder ab 3 Jahren
  • Intensivförderung in Kleingruppen ab 4 Jahren für Kinder mit Förderbedarf
  • Prävention von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten für alle Kinder im letzten halben Jahr vor der Einschulung


1. Entwicklungsbeobachtung

Voraussetzung und Bindeglied für die Arbeit mit den Bausteinen ist die regelmäßige Erfassung und Dokumentation der Entwicklungsschritte aller Kinder. Dazu haben wir einen Beobachtungsbogen entwickelt, mit dem die Erzieherinnen jedes Kind einmal im Jahr, in den ersten drei Jahren halbjährlich, genau beobachten und seine Entwicklungsschritte feststellen. Allgemeine Auffälligkeiten in der Entwicklung, speziell der Sprachentwicklung werden nun gezielt und kompetent dokumentiert.

Der Beobachtungsbogen liegt für folgende Altersstufen vor: für 12, 18, 24 und 30 Monate und für das 3., das 4. und das 5.-6. Lebensjahr. Er ermöglicht einen kontinuierlichen Überblick über die Entwicklungsschritte eines Kindes in wichtigen Bereichen: Körpermotorik, Handmotorik, Spielen und Lernen, Emotionale und Soziale Kompetenz, Sprache und Sprechen (Sprachverständnis, Grammatik, Aktiver Wortschatz, Artikulation). Der Beobachtungsbogen dient ferner als Grundlage für die Einleitung intensiver Sprachförderung und für Elterngespräche. Eine gute Beobachtung und Dokumentation reichen aber nicht aus: sie ersetzen weder eine Förderung noch eine Behandlung!


2. Sprachförderung für alle Kinder

Fundierte Sprachförderung für alle Kinder besteht in der regelmäßigen, bewussten, strukturierten und bedeutungsbezogenen Einbindung sprachfördernder Spiele in den Kindergartenalltag. Dabei ist es wichtig, dass sich jede Erzieherin darüber bewusst ist, welche Bedeutung sie als Sprachvorbild hat und welche Bereiche der Sprachentwicklung in die Förderung einbezogen werden müssen.

Wir haben bewährte und häufig im Kindergarten genutzte sprachbezogene Spiele gesammelt und sie den Kategorien der Sprachentwicklung zugeordnet. Diese Spielesammlung bildet den Fundus für die Sprachspiele ("Schatzkiste"). Um einen gemeinsamen Bedeutungsrahmen zu schaffen, werden die Spiele nach den vier Jahreszeiten, nach Spielen für die Begegnung und Spielen zur Mundmotorik geordnet. Die Beachtung aller Sprachentwicklungskategorien, die Verknüpfung mit einem Bedeutungs- und Handlungszusammenhang und das Prinzip der Wiederholung und der Regelmäßigkeit sind uns wichtig.


3. Intensivsprachförderung in Kleingruppen

Im gleichen Aufbau und mit dem gleichen Material (Schatzkiste) werden Kinder mit auffälliger Sprachentwicklung in kleinen Gruppen von 6-8 Kindern vier Stunden wöchentlich gefördert. Diese Arbeit wird von einer Spracherzieherin durchgeführt. Die Kinder sollten auch dem Kinderarzt vorgestellt werden, ggf. auch eine weitergehende Entwicklungsdiagnostik, eine logopädische Behandlung oder eine sonderpädagogische Sprachförderung erhalten.


4. Prävention von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten

Dieses wichtige Modul wird am Ende der Kindergartenzeit oder in der Grundschulförderklasse eingesetzt. Es ist dadurch charakterisiert, dass die Erzieherinnen mit allen Vorschulkindern 20 Wochen lang täglich Sprachspiele in kleinen Gruppen durchführen: Spiele zur Förderung der phonematischen Bewusstheit und Spiele zur Buchstaben-Laut-Verbindung. Diese Spiele sind kindgerecht aufgebaut und verbessern die Vorläuferfähigkeiten für den Schreibleseerwerb.

Die folgende Grafik zeigt, wie erfolgreich diese Prävention von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten ist. In einer eigenen Untersuchung haben wir 100 Kinder, die in der Stadt Freiberg am Neckar an der Prävention teilgenommen hatten, am Ende der ersten und am Ende der zweiten Klasse mit einem Schreibtest (Hamburger Schreibprobe) und einem Lesetest (Würzburger Leiselesetest) nachuntersucht und mit einer gleich großen, nicht geförderten Kontrollgruppe verglichen. Im Schreibtest HSP (Subtest: Richtig geschriebene Wörter und Subtest Graphemtreffer) bleiben nur 3-5% aller Kinder aus Freiberg unter Prozentrang 15, hingegen 20-21% aller Kinder, die nicht gefördert worden waren. Im Lesetest sind die Ergebnisse nicht ganz so gut, aber statistisch hochsignifikant (15% gegen 22%). Erfreulicherweise waren die Ergebnisse am Ende der zweiten Klasse ganz ähnlich. Das zeigt die hohe Nachhaltigkeit und den bleibenden Lerneffekt bei den teilnehmenden Kindern. Ganz nebenbei: 20%, d.h. jedes fünfte Kind, das "ganz normal" schreiben und lesen lernt und keine spezifische Förderung in der Kita gehabt hat, erreicht am Ende der ersten und der zweiten Klasse nicht das Ziel im Schreib- und Leseerwerb. PISA lässt grüßen!




Das Material für diese Spiele ist in den ersten 10 Wochen das Würzburger Programm "Hören, lauschen, lernen", in der 11.-20. Woche unsere Sprachspiele "Hören, sehen, verstehen".

Informationen zu den Materialien erhalten Sie unter Material, Preise und Bestelladresse finden Sie unter Bestellung


Die Arbeitsgruppe Sprachförderung

In Freiberg am Neckar gründeten wir 1999 eine interdisziplinäre Arbeitsgruppe, die Methoden und Materialien zur Sprachförderung im Kindergarten plante und entwickelte. Diese Gruppe bestand bis 2009. Leider wird das Thema Sprachförderung nicht mehr von allen Erzieherinnen mit dem gleichen Engagement verfolgt und unterstützt wie früher.

Wir konnten in zehn Jahren mehrere Projekte umsetzten:
- Sprachförderung
- Intensivsprachförderung
- Vorbeugung von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten
- Beobachtungsbogen
- Wissenschaftliche Begleitung der Projekte
- Fortbildung für Erzieherinnen

In der Gruppe arbeiteten Erzieherinnen aller Kindergärten der Stadt Freiberg mit, alle Spracherzieherinnen, eine Logopädin, eine Sprachheilpädagogin und der ehem. Ärztliche Direktor des Sozialpädiatrischen Zentrums in Ludwigsburg, zeitweise auch Grundschullehrerinnen und ein Schulrat.

Wir setzten uns kritisch mit den Fragen der Sprachförderung im Kindergarten auseinander. Sprachförderung in der Kita scheint, unabhängig von der angewandten Methode, zur Zeit noch wenig effektiv zu sein. Die Ergebnisse der Arbeitsgruppe von Prof. H. Schöler (Pädagogische Hochschule Heidelberg) (Autorin: K. Schakib-Ekbatan: Die Wirksamkeit der Sprachförderung in Mannheim und Heidelberg) und die Ergebnisse der Arbeitsgruppe in der Pädagogischen Hochschule Weingarten (Prof. Gasteiger-Klicpera, Prof. Knapp, Prof. Kucharz: Abschlussbericht der Wissenschaftlichen Begleitung des Programms "Sag mal was - Sprachförderung für Vorschulkinder", 2010) wirken auf den ersten Blick sehr entmutigend.
Auch in der dritten großen deutschen Studie, der Evaluation des Landesprogramms Sprachförderung in Brandenburg (2011), zeigen sich nur geringe Verbesserungen der Sprachkompetenz: "Direkt nach der Förderung konnten leichte Effekte des Programms „Handlung und Sprache“ in den Bereichen Satzbildung, Erkennen semantischer Inkonsistenzen und phonologische Bewusstheit im engeren Sinn identifiziert werden. Kinder mit schwächeren Ausgangskompetenzen, Kinder aus sozial schwachen Familien und Migrantenfamilien und Kinder, die sehr häufig an den Fördereinheiten teilgenommen haben, hatten direkt nach der Förderung am stärksten von der Maßnahme profitiert." Am Ende der ersten Schulklasse jedoch gab es keine signifikanten Unterschiede zwischen der Interventions- und der Kontrollgruppe  in basalen Lesefähigkeiten, mathematischen Fähigkeiten, Lernkompetenz und sprachlichem Förderbedarf.

Dennoch glauben wir, dass wir auf dem richtigen Weg sind:
  • Die Kinder werden besonders früh gefördert,
  • Regelmäßige Sprachförderung und die gute Sprachbewusstheit aller Erzieherinnen ist uns sehr wichtig,
  • Die Kinder kennen die Spracherzieherinnen,
  • Die Spracherzieherinnen nehmen die täglichen Themen der Kindergartengruppe auf,
  • Wir tun besonders viel für die Fortbildung der Erzieherinnen,
  • Unsere Arbeitsgruppe gab uns eine gute Möglichkeit zur Besprechung von Problemen und zur Supervision.
Im Abschlussbericht der PH Weingarten werden folgende Bereiche genannt, in denen weitere Diskussionen und Forschungen notwändig sein werden:
  • Anforderung an die Qualifikation der pädagogischen Fachkraft,
  • Formen der Interaktion zwischen pädagogischer Fachkraft und Kind sowie der didaktischen Gestaltung der Sprachförderung,
  • Auswahl der zu fördernden Kinder und Formen ihrer Förderung,
  • Formen der Zusammenarbeit mit Eltern,
  • Bedingungen erfolgversprechender Sprachförderungen.

Ein wenig Hoffnung tanken wir auch durch die positiven Ergebnisse der Studie vom Institut Arbeit und Qualifikation der Universität Duisburg-Essen aus 241 Essener Kindertageseinrichtungen. Selbst wenn diese Studie methodisch diskussionswürdig ist, so zeigt sie doch, dass Sprachförderung in der Kita durchaus erfolgreich sein kann. Sie belegt zudem, dass es nicht der Migrationshintergrund oder das Erlernen von Deutsch als Zweitsprache ist, was die Sprachkompetenz der Kinder wesentlich beeinflusst: vielmehr ist es die Situation im sozialen Umfeld. Unterschiedliche Wege führen zum Ziel: auch in dieser Studie gab es keine Überlegenheit einer bestimmten Fördermethode. Positive Auswirkungen zeigten sich bei der Integration von Sprachförderung in den Alltag, durch Qualifikation und Fortbildung der Kita-Beschäftigten und bei Einbeziehung der Eltern.

Wir sind nicht der Ansicht, dass Sprachförderung im Kindergarten primär ganzheitlich sein sollte. Wir sehen darin die Gefahr einer allzu großen Beliebigkeit. Beispielsweise ist der Erfolg einer Sprachförderung oder einer Sprachtherapie nicht davon abhängig, ob das Kind auch motorisch oder musikalisch gefördert wird. Anders lautende Darstellungen sind wissenschaftlich nicht nachgewiesen.

Wir möchten Sie hingegen ermutigen, mit einzelnen Bausteinen der Sprachförderung zu beginnen und sie möglichst gezielt anzuwenden. Dabei ist es besonders wichtig, dass die Kinder nicht nur Gelegenheit zum Lauschen und Zuhören bekommen sondern möglichst oft auch selbst sprechen sollen. Fortschritte in der Sprachentwicklung hängen von der Möglichkeit des aktiven Sprechens ab. Dazu eignet sich besonders die Arbeit in Kleingruppen. Je geringer die Sprachkenntnisse des Kindes sind, umso wichtiger ist eine handlungsorientierte Sprachförderung. Auch dabei kommt es wesentlich darauf an, dass das Kind sprachbegleitet handelt.

Alle sprachvermittelnden Erzieherinnen sollten nicht nur bemüht sein, die Bewusstheit ihrer eigenen Sprache zu entwickeln sondern unbedingt auch von der Notwendigkeit und Wichtigkeit ihrer Arbeit überzeugt sein.

Eine regelmäßige Sprachstandsbestimmung ist eine weitere Voraussetzung für die Sprachförderung im Kindergarten. Wir haben dafür einen pädagogisch-diagnostischen Beobachtungsbogen entwickelt.

Wir versuchen, die Grenzen der Sprachförderung zu beachten.  Auffällige Beobachtungen sollten den Eltern und nach Einverständnis dem zuständigen Kinderarzt mitgeteilt werden. Kinder mit Sprachentwicklungsstörungen, mentaler Retardierung, Autismus, Mutismus u.a.m. gehören zunächst in die Hände ihrer Kinderärzte, die dann entscheiden, ob je nach Indikation  Sprachtherapeuten, Sprachpädagogen, Psychologen oder ein Sozialpädiatrisches Zentrum für sie zuständig sind.

Wir sind uns der Tatsache bewusst, dass es zu wenig Forschungsergebnisse über die Effizienz von Sprachförderung gibt. Wo immer es möglich ist und Methoden zur Verfügung stehen, wäre eine Überprüfung der Wirksamkeit von Sprachförderung ein großes Ziel.


Unter Fortbildung finden Sie
  • Folien einer Fortbildung zur Sprachdiagnostik bei der neuen Einschulungsuntersuchung (ESU) in Baden-Württemberg
  • Folien eines Referats zur Abgrenzung von Sprachförderung und Sprachtherapie
  • Folien von Referaten zum Thema Mehrsprachigkeit
Unter Material finden Sie
  • Flyer für Eltern zur mehrsprachigen Erziehung
  • Sprachspiele zur Sprachförderung im Vorschulalter (leider aktuell vergriffen)
  • Sprachspiele zur Vorbeugung von Lese-Rechtschreibschwierigkeiten (vergriffen)
  • Beobachtungsbögen zur Entwicklungsbeobachtung im Vorschulalter (3. - 6. Lebensjahr)
  • die neuen Beobachtungsbögen für Kinder von 12 - 36 Monaten, die jetzt auch in unserem Buch "Sprache fördern in der Krippe" (Herder-Verlag) als Kopiervorlage gedruckt sind.